Das System der landwirtschaftlichen
Produktions-genossenschaften war in der Revolution 1956 praktisch völlig
zusammengebrochen. Partei und Regierung machten sich daran, mit intensiver
Überzeugungsarbeit und unter Vermeidung früherer Fehler eine neue
Kollektivierungskampagne zu starten. Die Kampagne zielte darauf, als erstes
vor allem die einflußreichsten und angesehensten Bauern in den Dörfern
zu gewinnen, und warb mit großzügigen sozialen Vorteilen, wie z.B.
Unfall- und Krankenversicherung sowie Renten-zahlungen. Angesichts dieser
Vorteile und mehr noch auf Grund der historischen Erfahrungen gaben die Bauern
ihren Widerstand gegen die Kollektivierung (s.
Bild) schnell auf. 1961 waren bereits 75% der ungarischen Bauernschaft
Mitglieder von Genossenschaften und 19% in Staatsgütern tätig, nur
noch 6,5% blieben private Bauern. Zum raschen Erfolg (s.
Bild) trug auch bei, daß die Bauern Hauswirtschaften von bis zu
einem 1/2 ha Größe behalten und privat bewirtschaften durften.
(s. Abbildung)
Die auf den Hauswirtschaften erzielten Erträge lagen bei bestimmten Produkten,
wie z.B. Geflügel, Eiern, Milch und Obst deutlich (um 60-80%) höher
als die in den LPGs erzielten Erträge. Die Wirtschaftsreform 1968 ermöglichte
auch den LPGs eine größere Selbständigkeit hinsichtlich ihrer
Produktion, sie mußten jetzt allerdings auch ein größeres
wirtschaftliches Risiko tragen. Als Konsequenz aus dem Wegfall eines Teils
der Subventionen setzte nun in der Landwirtschaft eine
starke Konzentrationsbewegung durch Zusammenschluß vieler LPGs zu agraren Großbetrieben (s. Bild) ein. Der Rationalisierungseffekt führte in vielen Fällen zur wirtschaftlichen Stärkung und Sicherung relativ hoher, den Industrielöhnen durchaus vergleichbarer Ein-kommen. Als von besonderer ökonomischer Bedeutung erwies sich die Möglichkeit, daß die LPGs auch Tätig-keiten außerhalb ihrer agraren (s. Bild) Grund-tätigkeit in Ackerbau und Viehzucht ausüben durften. Mit einer großen Vielfalt an Nebentätigkeiten im Industrie- und Dienstleistungssektor erwirtschafteten sie im Durchschnitt 20-40%, in einigen Fällen sogar über 90% ihrer Gesamteinnahmen und schufen damit zugleich zahlreiche Arbeitsplätze im ländlichen Raum. Die gerade auch aus diesen Einnahmen bestrittenen Moderni-sierungsmaßnahmen in der agraren Grundtätigkeit führten zu einer erheblichen Produktionssteigerung der ungarischen Landwirtschaft. Deren durchschnittliche Erträge erreichten bei vielen Produkten westliches Niveau. Der Landwirtschaft gelang es in den 1970er und 1980er Jahre mit einer Kombination aus industriemäßig produzierenden Großbetrieben, privaten Hauswirt-schaften und umfangreichen Nebentätigkeiten nicht nur, eine Versorgung der Bevölkerung auf vergleichsweise hohem Niveau sicherzustellen, sondern darüber hinaus jährlich rund 20% der ungarischen Exporterlöse zu erwirtschaften.