2.2. Das Beispiel Stralsund 1706/07

Besonders günstig ist unter diesen Gesichtspunkten die Quellenlage für die alte Hansestadt Stralsund. Sie war seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges eine Territorialstadt innerhalb der Provinz Schwedisch-Pommern, die zugleich vom Landesherren zu einer starken Festung ausgebaut wurde. Seit dem letzten Drittel des 17. Jahrhundert lag auch regelmäßig ein Infanterieregiment innerhalb der Befestigungsanlagen, so daß Stralsund zusätzlich die Funktion einer Garnisonsstadt erhielt. Dominierende Komponente blieb jedoch auch weiterhin der städtische Fernhandel und dabei insbesondere der Export von Getreide und Getreideprodukten über See. Mit rund 10.000 Einwohnern (incl. Militär) zählte Stralsund zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa zu den größeren Mittelstädten.[KRO97]

Früher als die meisten übrigen europäischen Staaten ließ die schwedische Krone Ende des 17. Jahrhunderts eine detaillierte Vermessung ihres gesamten Reichsgebietes, einschließlich ihrer außerschwedischen Besitzungen, durchführen. In der Provinz Schwedisch-Pommern fand die allgemeine Landesaufnahme in den Jahren 1692 bis 1709 statt. [ASM96]Neben dem flachen Land wurden auch die Städte in das Vorhaben einbezogen.

In Stralsund arbeiteten die Landmesser in den Jahren 1706 und 1707. Sie hinterließen eine überaus detaillierte Beschreibung sämtlicher Grundstücke und Gebäude in den vier innerstädtischen Stadtquartieren und auf den drei Dämmen (Vorstädten) vor den Toren der Stadt. Der grundsätzliche Aufbau der Beschreibungen ist jeweils gleich: [LIN39] Nach präzisen Angaben zur Lage des Grundstücks (genannt werden Straße, Stadtviertel und die Namen der Eigentümer der Nachbargrundstücke) folgt die Nennung des Besitzers. Hieran schließt sich die Vorstellung der inneren Räumlichkeiten an. Weitere Angaben, u.a. über vorhandene Gerechtigkeiten und die steuermäßige Einstufung des Gebäudes, beschließen die Beschreibung. Im Unterschied zu den Besitzern wurden Mieter in der Regel nur dann mit Namen, Beruf und Mietleistung aufgeführt, wenn der Besitzer das Haus nicht selbst bewohnte.

Durch eine Abgleichung mit den städtischen Haussteuerregistern vom März 1706, vom Juli und vom Oktober 1707 sowie mit dem Kopfsteuerverzeichnis vom März 1708 konnten jedoch die vorhandenen Lücken geschlossen werden. Dadurch wurde es möglich, sozialstatistisch auswertbare Angaben zur Erwerbstätigkeit und zu den Wohnverhältnissen sämtlicher, rund 1.800 berufstätigen Stralsunder Haushaltungsvorstände am Stichtag 31.12.1706 zu erhalten. Im Rahmen der Vorarbeiten zu meiner Dissertation über die Sozialstruktur der Städte Stralsund und Stade habe ich mit Hilfe des Datenbankprogrammes dBASE alle sinnvoll nutzbaren Angaben zu einer Datei "HST" weiterverarbeitet. Diese Datei ist wesentliche Grundlage für alle weiteren, hier präsentierten Auswertungen.

Die Stralsunder Stadtaufnahme von 1706/07 besitzt noch einen weiteren, für sozialtopographische Forschungen bedeutsamen Vorzug: Die Landmesser haben alle Grundstücke innerhalb der von den Befestigungsanlagen umgebenen Innenstadt sorgfältig vermessen und dazu präzise Zeichnungen angefertigt, die häuserblockweise aneinandergefügt wurden. Insgesamt sind heute noch 60 von ehemals 62 Baublockkarten vorhanden. Auf dieser Basis hat Michael Jager 1980 eine maßstabsgerechte Karte der Stralsunder Altstadt erstellt, von der das Stralsunder Amt für Denkmalschutz zur weiteren Bearbeitung dankenswerterweise eine Kopie zur Verfügung stellte.

Mit der Kombination aus parzellenscharfer Karte und präzisen Daten zu wesentlichen Teilbereichen der städtischen Sozialstruktur liegt eine Quellenbasis vor, die insbesondere unter sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Perspektive einen außerordentlich hohen, weit über den lokalen und regionalen Bereich hinausreichenden Wert für die frühneuzeitliche Stadtgeschichtsforschung besitzt.

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