Neue Anwendungen stellen neue Anforderungen

Die bisherigen Hauptanwender von GIS -- z.B. das Vermessungswesen und die Energieversorger -- waren primär mit der Datengewinnung (Vermessung, Digitalisierung) und Datenpräsentation (Kartenerstellung) beschäftigt. Es liegt auch in der Anwendung selbst begründet, daß der Anspruch an die Datenanalysefunktionalität äußerst gering oder recht einseitig war (z.B. Analyse linearer Netzwerke im EVU-Bereich). Die sich heute abzeichnenden neuen Anwendungsfelder von GIS im Planungs- und Umweltbereich stellen deutlich höhere Ansprüche an die Datenanalyse. Insbesondere sind hier überwiegend flächenhafte Phänomene zu untersuchen, d.h., Analysefunktionalitäten wie Aggregation, Zonenbildung, Verschneidung usw. werden hier verlangt. Simulationen und Modellrechnungen sollen möglich sein.

Diese neuen Anwendergruppen sind zur Zeit ebenfalls damit beschäftigt, flächendeckende Fachdatenbestände aufzubauen. Dies sind z.B. Umweltbehörden mit den Umweltinformationssystemen oder die Fahrzeugindustrie mit den Fahrzeugleitsystemen und Straßendatenbanken. Viele solcher Vorhaben laufen parallel und unabgestimmt ab und haben sich bisher eigener Datenerfassung bedient, da von den Lieferern von Basisdaten diese nicht flächendeckend und in bedarfsgerechter Form geboten wurden. Dies ist volkswirtschaftlich eine äußerst unbefriedigende Situation, da hier knappe Mittel an vielen Stellen unsinnig ausgegeben werden, die Fortführung der Daten nicht gewährleistet ist und Zuständigkeiten unterhöhlt werden.

Gerade der Umweltbereich bedient sich dabei vermehrt auch neuer Formen der Präsentation und Verbreitung der Umweltdaten so z.B. mittels World Wide Web oder CD-ROM. Der digitale Umweltatlas von Berlin ist z.B auf CD-ROM erhältlich. Diese CD-ROM beinhaltet ein GIS, mit dem der Nutzer eigene Auswertungen zur Umweltsituation in Berlin durchführen kann. Ebenso stehen diese Werkzeuge im Internet abrufbar bereit, welches insbesondere für die Wissenschaft neue Möglichkeiten eröffnet.

Erst mit den gegenwärtigen Basissystemen wie ATKIS haben auch die Basisdatenlieferanten auf diese neuen Anforderungen reagiert. Die Datenmodellierung in diesen Systemen ist modern und vielseitig nutzbar angelegt. Es bedarf aber auch der Öffnung zu den neuen Anwenderdisziplinen, der Kontakt ist sehr früh zu suchen und auf deren Bedarf ist von Anbeginn an Rücksicht zu nehmen. Solche teuren Großvorhaben müssen als Informatikprojekt gemanagt werden. Das heißt, sie sind in kleinen Teilprojekten zu strukturieren, die nach überschaubarem Zeitraum (etwa 2 Jahren) bereits Nutzen erbringen. Dies bedingt eine bedarfsgerechte Datenbereitstellung, die frühzeitige Suche nach einem externen Nutzer, der über den Hausgebrauch des Datenerzeugers hinaus zeigt, daß diese Daten -- und damit das ganze Vorhaben -- einen allgemeinen volkswirtschaftlichen Wert besitzen. Solche Nutzer stehen mit den Energieversorgungsunternehmen, den Umweltbehörden, dem Militär und der Fahrzeugindustrie bereit. Der Erfolg eines solchen Vorgehens geht weit über das hinaus, was die ursprüngliche Absicht vieler Basisvorhaben war: die Finanzierung ist gesichert, die frühzeitige Akzeptanz geprüft und Redundanzen in Daten und Arbeiten vermieden. Mit der Verfügbarkeit von Daten in allen Maßstabsbereichen und an allen Orten ergeben sich zum einen neue Arbeitsweisen der bisherigen Nutzer. Datenaustausch ist gefragt, Kooperationen werden nötig, Datenverschmelzungen zum Zwecke einer besseren Daseinsvorsorge durchaus üblich. Zum anderen bietet sich die Chance für neue Anwenderkreise, den Einstieg in die GIS-Technik zu wagen. Bei Verfügbarkeit billiger und leistungsfähiger GIS am Markt und bei vorhandenen Basisdaten können sich neue Anwendungen daran anhängen. Nicht jeder Anwender möchte die Datengewinnungsphase auf sich nehmen, und wenn dann nur für Daten seiner fachlichen Thematik. Bisherige Anwenderkreise in der Informationssystemtechnologie sind spezialisiert, finanziell potent und haben eine konkrete Aufgabe vor sich (Banken, Flughäfen, Betriebe als allgemeine IS-Nutzer, EVU und Vermessungswesen als GIS-Nutzer). Die am Markt erhältlichen Systeme konnten auf diese Aufgaben ausgerichtet werden, der Markt und damit das Einkommen der Anbieter war vorhanden. Neue Anwender müssen erst noch durch einfach zu handhabende und flexible Technik motiviert werden, haben fachübergreifende Aufgabenstellungen, kennen den Bedarf an Anwendungen von morgen noch nicht und stellen daher hohe Anforderungen an das Zusammenspiel verschiedenster Informationssysteme untereinander und mit anderen Softwarebausteinen. Als Beispiel nennen wir Corporate Information Systems in Unternehmen, mit denen eine durchgängige Informationstechnologie von der Planung über die Finanzierung bis zur Produktion möglich werden soll.

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